Esther Kinsky legt mit «Rombo» einen Roman vor, der lange nachhallt. (Urheber/Quelle/Verbreiter: Georg Hochmuth/APA/dpa)

Vielleicht hätte man das Unglück ja vorhersehen können an diesem 6. Mai 1976, als im norditalienischen Friaul die Erde bebte und fast tausend Menschen starben.

Einer sagt, es sei ungewöhnlich heiß gewesen an dem Tag, aber auf den Gipfeln lag noch Schnee. Eine andere hat eine überfahrene Viper auf der Straße entdeckt. Der Ziegenhirte meint, das Gras sei so schwer zu schneiden gewesen. Und hatten die Hunde an dem Tag nicht erbärmlich gejault?

In Esther Kinsky neuem, absolut lesenswerten Roman «Rombo» erinnern sich sieben mittlerweile bejahrte Bewohner eines abgelegenen Bergdorfes, wie sie als Kinder das Erdbeben erlebt haben. Die 1956 im Rheinland geborene Autorin und Übersetzerin lässt diese Stimmen wechselseitig in kurzen Passagen zu Wort kommen, dazwischen stehen poetische Beschreibungen von Flüssen, Bergen, Mythen oder Pflanzen einer Region, die Transitraum zwischen Nord und Süd und Trümmerfeld zugleich ist.

So entsteht beim Lesen ein vielstimmiger Chor, der aus immer neuen Blickwinkeln die Katastrophe beleuchtet, eine große Erzählung in Bruchstücken über eine Welt, die an einem einzigen Tag unheilbar zu Bruch gegangen ist. Der Schmerz verhallt als Grundton nie. «Die Erinnerung ist ein Tier, das aus vielen Mäulern brüllt», heißt es zu Beginn.

Schon vor dem Erscheinen vom «Rombo», was übersetzt soviel heißt wie Dröhnen oder Rollen, wurde Esther Kinsky für einen Ausschnitt aus dem Text mit dem erstmals vergebenen W.-G.-Sebald-Literaturpreis ausgezeichnet. Mit dem 2001 verstorbenen Autor («Die Ringe des Saturn»; «Austerlitz») verbindet Kinsky das Interesse an Erinnerung und Gedächtnis, und Ausgangspunkt für die Exkursionen zu vergessenen Schicksalen ist für beide oft die Topografie. Dabei mag Esther Kinsky, wie sie vor Jahren in einem Interview mit dem Deutschlandfunk sagte, den Trendbegriff «Nature Writing» für sich nicht so gern. Ihr Buch «Hain», das 2018 den Preis der Leipziger Buchmesse gewann, trug bewusst den neutralen Untertitel «Geländeroman».

Wie auch immer, der neue Roman lässt die einfachen Zuschreibungen weit hinter sich. Stattdessen entfalten sich gebrochene Lebensläufe: Eine der sieben Figuren heißt Anselmo, wir lernen ihn als alten Mann auf dem Friedhof kennen. Als Kind kam er mit seiner Schwester und dem Vater aus Deutschland, die Mutter blieb zurück, und im Dorf war er immer ein Außenseiter. Migration prägt das Leben der Menschen, viele sind in den Norden aufgebrochen, um Arbeit zu finden. «Die Armut hat die Menschen fortgetrieben, die Sehnsucht hat sie wieder zurückgeführt.»

Da ist Silvia, deren Mutter in den Touristenhochburgen an der Adria als Zimmermädchen arbeitet. Im Erdbebenjahr 1976 darf das junge Mädchen im Sommer mit ans Meer, aber im Hotel gibt es nur ein Thema. «Alle wollten immer vom Erdbeben hören. Ob mein Zuhause ganz zerstört worden war, ob ich verschüttet gewesen war, ob es Tote bei uns gegeben hatte.» Eine Naturkatastrophe als Sensation mit Gruselfaktor.

Die Geschichten der Frauen sind oft herzergreifend: Olga, die immer aus dem Tal weg wollte, und als alte Frau noch an einem verstaubten Souvenirstand steht oder Mara, deren demente Mutter eines Tages im Gebirge verschwindet. Über all diese Figuren und ihre Leben würde man gerne noch viel mehr erfahren, dies ist der einzige Einwand gegen diesen großartigen Roman. Mit einem «Memorial» aus dem zerstörten und wiederaufgebauten Dom von Venzone endet Esther Kinskys Erinnerungsbuch: Eine Reise zu Menschen und Landschaften, die man so schnell nicht wieder vergisst.

Esther Kinsky, Rombo, Suhrkamp Verlag Berlin 2022, 265 S., 24 Euro, ISBN 978-3-518-43057-6

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