Die französische Schriftstellerin Annie Ernaux äußert sich nach der Verleihung des Literaturnobelpreises auf einer Pressekonferenz in Paris. (Urheber/Quelle/Verbreiter: Michel Euler/AP/dpa)

Die große französische Schriftstellerin Annie Ernaux wird in diesem Jahr mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Nach zwei Jahren mit überraschenden Preisträgern kürte die Schwedische Akademie die zu den Favoriten zählende 82-Jährige am Donnerstag zur Preisträgerin des Jahres 2022. Ernaux bekommt die renommierte Auszeichnung «für den Mut und die klinische Schärfe, mit der sie die Wurzeln, Entfremdungen und kollektiven Beschränkungen der persönlichen Erinnerung aufdeckt», wie der Ständige Sekretär der Akademie, Mats Malm, bei der Preisbekanntgabe in Stockholm sagte.

«Annie Ernaux glaubt an die befreiende Kraft des Schreibens», würdigte der Vorsitzende des Nobelkomitees der Akademie, Anders Olsson, die diesjährige Preisträgerin. Ihr Werk sei kompromisslos und in klarer, sauberer Sprache verfasst. Mit großem Mut und klinischer Schärfe offenbare sie die Qual der Klassenerfahrung und beschreibe unter anderem Scham, Demütigung und Eifersucht. «Sie hat damit etwas Bewundernswertes und Bleibendes geleistet», sagte Olsson.

233 Kandidaten auf der Longlist

Zu ihren erfolgreichsten Werken gehört «Les années» (Die Jahre) aus dem Jahr 2008. «L’événement» (Das Ereignis) über die ungewollte Schwangerschaft und Abtreibung einer Studentin im Frankreich der 1960er Jahre wurde von Regisseurin Audrey Diwan verfilmt. Der Film gewann 2021 den Goldenen Löwen der Filmfestspiele von Venedig.

Der Nobelpreis für Literatur gilt als die prestigeträchtigste literarische Auszeichnung der Welt. Auf der sogenannten Longlist für den Preis standen in diesem Jahr 233 Kandidaten – welche Namen darunter sind, wird alljährlich streng geheim gehalten. Verliehen werden die Nobelpreise traditionell allesamt am 10. Dezember, dem Todestag von Preisstifter und Dynamit-Erfinder Alfred Nobel (1833-1896). Dotiert sind sie erneut mit zehn Millionen schwedischen Kronen pro Kategorie – umgerechnet entspricht das knapp 920 000 Euro.

Im vergangenen Jahr war der Literaturnobelpreis an den bis dahin eher unbekannten tansanischen Schriftsteller Abdulrazak Gurnah gegangen, im Jahr davor an die US-Poetin Louise Glück. Beide hatten vorab nicht zu den zahlreichen Favoritinnen und Favoriten auf den Preis gegolten.

Ganz anders nun Ernaux: Die Französin wurde vor der Preisbekanntgabe von vielen Experten zum engen Favoritenkreis gezählt. Der deutsche Literaturkritiker Denis Scheck hatte sie als seine große Favoritin auf dem Zettel gehabt. Sowohl in ästhetischer als auch in politischer Hinsicht sei die diesjährige Entscheidung «eine beglückende Wahl», sagte er am Donnerstag der Deutschen Presse-Agentur.

Ernaux selbst betrachtete sich offenbar nicht als Anwärterin auf den Nobelpreis – statt auf den Anruf aus Stockholm zu warten, arbeitete sie am Donnerstagvormittag daheim in Frankreich. «Wir haben es noch nicht geschafft, Annie Ernaux telefonisch zu erreichen. Aber wir rechnen damit, dass sie die Nachricht bald erreicht», merkte Malm bei der Bekanntgabe an. Sie erfuhr so erst kurz darauf durch einen Anruf der schwedischen Nachrichtenagentur TT von der Auszeichnung, wie die Agentur berichtete. «Nein! Wirklich?» sagte sie verwundert. Ständig habe das Telefon geklingelt – sie sei aber nicht dran gegangen.

Ehre und Verantwortung

Sie sei sehr überrascht, sagte sie später dem schwedischen Rundfunk. «Das ist natürlich eine sehr große Ehre für mich.» Gleichzeitig gehe mit dem Nobelpreis auch «eine große Verantwortung» einher. In Paris präzisierte sie später, es gehe um die Verantwortung, weiterzumachen und ihren Kampf gegen Ungerechtigkeiten fortzuführen. «Ich bin sehr bewegt» sagte Ernaux über ihre Auszeichnung. «Sie sollten wissen, dass das etwas ganz Großes für mich ist.»

Ernaux wurde 1940 in Lillebonne in der Normandie geboren und wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf. In ihrem Werk setze sie sich stets mit den Erfahrungen eines von großen Geschlechter-, Sprach- und Klassenunterschieden geprägten Lebens auseinander, sagte Olsson. Sie selbst bezeichne sich als «Ethnologin ihrer selbst».

In Deutschland wird Ernaux von Kritikern als Meisterin des Autofiktionalen – einer Mischung von Autobiografischem und Fiktion – betrachtet. Ihre Werke landen regelmäßig auf den Bestsellerlisten. Auch Kulturstaatsministerin Claudia Roth lobte die Entscheidung für Ernaux. Ihr Schreiben gehe weit über das individuelle Ich hinaus und lenke den Blick auf den Weg, den die Emanzipation bereits bewältigt habe – und welchen Zwängen und Zumutungen Frauen nach wie vor ausgesetzt seien.

Durch die Nobelpreis-Auszeichnung rechnet ihr deutscher Verlag nun mit einem Ansturm auf ihre Bücher. Aktuell seien alle Bände lieferbar, hieß es am Donnerstag beim Suhrkamp Verlag. Pressesprecherin Tanja Postpischil sagte, für alle im Verlag erschienenen Bücher von Ernaux seien Neuauflagen geplant.

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