Dirigent Daniel Barenboim bei der Voraufführung des Neujahrskonzerts 2022 der Wiener Philharmoniker. (Urheber/Quelle/Verbreiter: Dieter Nagl/APA/dpa)

Seit drei Jahrzehnten dreht sich die Staatsoper Unter den Linden vor allem um einen Menschen: Daniel Barenboim. Der Generalmusikdirektor zählt nicht nur zur überschaubaren Zahl musikalischer Genies seines Faches, er ist auch das Machtzentrum in einem der wichtigsten Opernhäuser.

Nach zuletzt bereits mehreren Ausfällen stellen sich mit einer erneut ernsthaften Erkrankung des 79-Jährigen grundlegende Fragen zur Zukunft des Hauses. Es sind unsichere Zeiten.

«Daniel Barenboim hat selbst oft gesagt, dass man dauerhaft so einen Job nur mit ganzer Kraft machen kann», sagt Intendant Matthias Schulz der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. «Deswegen wird es in den nächsten Wochen sicher weitere Gespräche geben.» Schulz verweist auf die Bedeutung des Postens für das Haus. «Der Generalmusikdirektor hat völlig klar eine Schlüsselposition.»

Kanzlerzulage für die Staatskapelle

Die Staatsoper verdankt Barenboim einiges. In seine Zeit fallen künstlerische Entwicklungen ebenso wie deutliche Veränderungen der Rahmenbedingungen. Früher musste die Staatsoper den Widerhall der Musik mit elektronischer Verstärkung simulieren. Nach einer von Barenboim durchgesetzten Erhöhung der Saaldecke um fünf Meter hat sich die Nachhallzeit fast verdoppelt. Statt Klangbrei dringt nun Transparenz aus dem Orchestergraben. Das Projekt war einer der Gründe, warum die Sanierung vier Jahre länger dauerte und 400 statt 240 Millionen Euro kostete.

Finanzierung besorgt Barenboim auch schon mal direkt im Kanzleramt. Noch unter Gerhard Schröder gab es eine Kanzlerzulage für die Staatskapelle, die das Orchester in die Spitze der Gehaltsgruppen brachte. Auch Nachfolgerin Angela Merkel wurde zum Barenboim-Fan-Club gezählt. Seine Geldsuche hat im Kanzleramt über lange Jahre nachhaltig Eindruck hinterlassen.

Der «Ring» als Geburtstagsgeschenk für Barenboim

Intendant Schulz sieht die Staatsoper Barenboim zu unglaublichem Dank verpflichtet. «Er hat 30 Jahre lang diesen Klangkörper entwickelt, die Staatskapelle Berlin zu einer Flexibilität gebracht, die jetzt auch so einen „Ring“ in dieser Qualität mit möglich machen.»

Die umjubelte Neuinszenierung von Richard Wagners «Ring des Nibelungen» ist am Sonntagabend mit «Götterdämmerung» als letzter von vier Premieren komplettiert worden. Die überaus geistreiche, aber auch mit «Buh»-Rufen bedachte Version des russischen Regisseurs Dmitri Tcherniakov, mit dem Barenboim seit Jahren erfolgreich zusammenarbeitet, war als Geburtstagsgeschenk für Barenboim gedacht. Der Dirigent wird am 15. November 80 Jahre alt.

Am Pult sprang Wagner-Spezialist Christian Thielemann ein. Der vom Berliner Premierenpublikum frenetisch gefeierte Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle Dresden gilt als potenzieller Nachfolgekandidat, wenn Barenboims Vertrag 2027 endet.

Nach dem «Ring»-Verzicht gibt es wieder schlechte Nachrichten von Barenboim. Er müsse sich aus gesundheitlichen Gründen in den kommenden Monaten von einigen seiner Auftritte, insbesondere von Dirigaten, zurückzuziehen. «Mein Gesundheitszustand hat sich in den letzten Monaten verschlechtert und es wurde eine schwere neurologische Erkrankung bei mir diagnostiziert», schrieb der 79-Jährige. Er müsse sich jetzt so weit wie möglich auf sein körperliches Wohlbefinden konzentrieren.

Die jüngste Vertragsverlängerung für den Generalmusikdirektor war bereits umstritten, auch angesichts von Diskussionen um Barenboims Führungsstil. Von Berlins Kultursenator Klaus Lederer, zugleich Vorsitzender des für das Spitzenpersonal zuständigen Stiftungsrates der Opernstiftung, gibt es neben Genesungswünschen aktuell keine Aussagen über mögliche Wege in die Zukunft der Staatsoper. Barenboim selbst will vor neuen Einschätzungen und Ankündigungen zunächst die Entwicklung und weitere Konsultationen abwarten.

Intendant Schulz sieht die Staatsoper nach der schwierigen Phase der Sanierung heute als «ein äußerst gesundes, stabiles Haus». «Wir haben auch seit einiger Zeit bewiesen, dass wir Abwesenheiten unseres Generalmusikdirektors auffangen können.» So müsse es sein, Barenboim habe diesen Prozess unterstützt. Wie lang kann das gut gehen? «Bei einer solchen Krankheit ist es offenbar schwer, Vorhersagen zum Verlauf der Genesung zu treffen», sagt Schulz. «Damit müssen wir uns gemeinsam auseinandersetzen.»

Schulz steht selbst vor einem Wechsel. Weil er als Intendant nach Zürich geht, hält er seine Nachfolgerin für Berlin bereits auf dem Laufenden über die Entwicklung. Elisabeth Sobotka übernimmt 2024 die Intendanz des Hauses. Die 57-Jährige, derzeit Intendantin der Bregenzer Festspiele, ist Unter den Linden keine Unbekannte. Von 2002 bis 2007 war sie Operndirektorin – unter Barenboim.

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