Ein Gitarrenlehrer unterrichtet eine Schülerin via Online-Videokonferenz. (Urheber/Quelle/Verbreiter: Peter Kneffel/dpa)

Er spielt ein paar Akkorde auf seiner Gitarre und fängt zu singen an, nur um gleich wieder abzubrechen. «Joa, die guten Sportfreunde Stiller», meint Bernd Kleinschrod und grinst in die Kamera. «Wir gehen es wie immer zweigeteilt an: Schlagmuster, Akkorde – los geht’s!»

Neun Minuten und 22 Sekunden dauert das Youtube-Video. Dann sollen Gitarren-Anfänger das Rüstzeug haben, um bald selbst das Lied «Ein Kompliment» spielen zu können.

Etwas Besseres als die Corona-Pandemie hätte dem Gitarrenlehrer aus Buchenberg im Allgäu eigentlich nicht passieren können – zumindest aus beruflicher Sicht. Seit elf Jahren bringt er Menschen online die Gitarre näher, aber der Lockdown ist sein Durchbruch. Der Umsatz steigt plötzlich um das vier- bis fünffache an, bis zu 40.000 Menschen greifen monatlich auf die Website zu und die Mitgliederzahlen seiner Facebook-Gruppe «Gitarre spielen lernen» verdoppeln sich.

Seine Schüler lernen ihre ersten Akkorde mit Erklärungen im pdf-Format, kurzen Filmen, Sprachnachrichten und Videotelefonaten. «Plötzlich war die Digitalisierung da, das ist ein unfassbarer Schub», sagt der 34-Jährige. «In der Pandemie finden wieder mehr Menschen den Zugang zur Gitarre.»

Das spürt auch die Musikinstrumentenbranche. In den letzten Jahren sank das Interesse an der Gitarre, die Umsatzzahlen brachen ein und viele Instrumente verstaubten auf dem Dachboden, erzählt Daniel Knöll, Geschäftsführer beim Branchenverband Somm (Society Of Music Merchants) mit Sitz in Berlin. In der Pandemie erlebe die Gitarre nun eine unverhoffte Rückkehr. Laut Verband stieg die Nachfrage nach elektrischen Gitarren von Januar bis November 2020 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um knapp 30 Prozent, bei den akustischen Gitarren um 20 Prozent.

«Wir verzeichnen einen rapiden Einbruch bei Licht und Equipment, da gehen tatsächlich die Lichter aus. Speziell bei der Gitarre steigt aber die Nachfrage», berichtet auch Dominic Wagner vom weltweit größten Online-Musikhandel Thomann aus Oberfranken. Die Gitarrenabteilung habe innerhalb eines Jahres 24 Prozent mehr Umsatz gemacht.

Selbst kleine Gitarrenwerkstätten profitieren. Anfangs hätten sie noch befürchtet, dass die Aufträge bald wegbrechen, erzählt Kora Jünger von Deimel Guitarworks, die in der märkischen Provinz E-Gitarren nach Maß anfertigen. «Also haben wir versucht, viele laufende Aufträge schneller zu bearbeiten, um so die Existenz zu sichern.» Doch die Befürchtungen bestätigten sich nicht, bis Januar 2022 ist die Gitarrenwerkstatt ausgebucht. Auch Gitarrenbauer Gert Esmyol aus München bekommt immer mehr Anfragen und repariert bis zu 20 Prozent mehr Instrumente.

Die Nachfrage sei so groß, dass die Musikbranche kaum hinterherkomme. «Wir können den Bedarf nicht sofort abdecken», erklärt Knöll vom Branchenverband. Werkstätten stünden still oder könnten wegen der Hygienevorschriften nur mit weniger Personal arbeiten, bei der Lieferung von Material und Gitarren komme es zu Verzögerungen. «Ganze Chargen konnten nicht fertiggestellt werden, das ist teilweise immer noch so.»

Die Kunden müssten sich auf Wartezeiten bis zu einem Jahr einstellen, berichtet Kora Jünger. Statt Anfragen von Gitarristen bekomme die Werkstatt in der Pandemie vor allem Wünsche von Menschen mit festen Einkommen, die momentan ihr Geld und ihre Zeit nicht in Urlaub, Konzert- und Restaurantbesuche investieren können.

Gitarrespielen sei ein Ausgleich in der Krise, bestätigt Guido Müller, Direktor der Staatlichen Jugendmusikschule Hamburg. «Die zarten Klänge der Gitarre, die auch keinen Nachbarn stören, tun der Seele gut. Schon wenige Griffe genügen, um den eigenen Gesang zu begleiten oder Lieblingssongs nachzuspielen, der Kreativität sind dabei keine Grenzen gesetzt.» Wie kein anderes Instrument entspreche die Gitarre der Sehnsucht nach Gemeinsamkeit und sei gleichzeitig relativ leicht selbstständig zu lernen.

Trotzdem brauchen Einsteiger persönliches Feedback, betonte Tilman Fischer von der Rheinischen Musikschule Köln. «Da muss einer den Spiegel vorhalten und korrigieren.» Gerade jüngere Schüler seien mit Online-Unterricht nicht zu erreichen. «Sechsjährige sitzen nur vor dem Bildschirm wie bei der Sendung mit der Maus.» Aber auch viele Erwachsene werden sich nach den ersten Selbstversuchen im Lockdown wieder an die Musikschulen wenden, prognostiziert der Verband deutscher Musikschulen.

Gitarrenlehrer Bernd Kleinschrod entwickelt derweil das nächste digitale Konzept. Vielleicht könne er bald seinen Lebensunterhalt mit dem Online-Unterricht bestreiten. «Die Gedanken sind schon da», meint der 34-Jährige. Das Interesse an der Gitarre werde jedenfalls anhalten.

Copyright 2021, dpa (www.dpa.de). Alle Rechte vorbehalten, Von Mirjam Uhrich, dpa

Von