Jonathan Franzen legt mit «Crossroads» den ersten Teil einer Trilogie vor. (Urheber/Quelle/Verbreiter: Tamas Kovacs/epa/dpa)

Leicht kommen die Romane von Jonathan Franzen nie daher. Mindestens vier Jahre hat er an seinen bisherigen fünf jeweils gearbeitet, alle sind um die 500 Seiten dick.

Zuletzt war 2015 «Unschuld» erschienen – und jetzt hat sich der US-Schriftsteller mit einem sechsten Roman zurückgemeldet: «Crossroads», gerade zeitgleich im englischen Original und auf Deutsch im Rowohlt-Verlag erschienen, hat ebenfalls mehrere Jahre Arbeit in sich, ist ebenfalls deutlich mehr als 500 Seiten dick, aber unterscheidet sich ansonsten in vielen Hinsichten von seinen Vorgängern.

Vor allem soll «Crossroads» nur ein Anfang sein, der Auftakt zu einer vom Rowohlt-Verlag jetzt schon als «Opus Magnum» des Autors gefeierten Trilogie – «Ein Schlüssel zu allen Mythologien». Ursprünglich sollte es eigentlich nur ein aus drei Teilen bestehender Roman werden, sagte Franzen in einem Interview des Verlags. «Aber als ich beim Schreiben auf Seite 115 des ersten Teils angekommen war, der ungefähr 200 Manuskriptseiten umfassen sollte, hatte ich noch nicht einmal alle fünf Hauptfiguren eingeführt. (…) Nun hätte ich anfangen können, gnadenlos zu kürzen, damit es schneller voranging, aber die Seiten sagten mir, dass ich da zu einer Fülle an Material vorgedrungen war, das bislang offenbar unentdeckt in mir geschlummert hatte.»

Überbordendes Material

«Crossroads» handelt wie schon häufiger in den Werken des Autors von einer Familie im Mittleren Westen der USA, spielt diesmal aber nicht in der Gegenwart, sondern in der Vergangenheit. «Meine ersten fünf Romane hatte ich alle in einer leicht wiedererkennbaren Gegenwart angesiedelt, und als ich darüber nachdachte, wurde mir klar, dass die entscheidenden Jahre meines Lebens, nämlich die ersten sechs Jahre der Siebziger, in meiner Literatur bisher überhaupt nicht vorgekommen sind», sagte der 1959 im US-Bundesstaat Illinois geborene Schriftsteller. «Ich hatte nie über diese Zeit geschrieben, obwohl es die prägende Zeit meines Lebens gewesen ist.»

Außerdem hat sich auch der Stil des einst als sprachlichem Pirouetten-Dreher verschrieenen Autors weiterentwickelt. «Ich hatte das Gefühl, dass ich mit den „Korrekturen“ stilistisch mein Äußerstes gegeben hatte, und seitdem bewege ich mich mehr und mehr auf eine möglichst transparente Art zu schreiben zu. Ich möchte nicht, dass die Leser anfangen, auf den Stil zu achten. Ich möchte, dass sie ganz und gar in der Traumwelt bleiben, ja dass sie noch nicht einmal von einem besonders schönen Satz abgelenkt werden. Jeder Satz soll makellos sein und einen Gedanken in sich tragen, aber ich möchte nicht, dass er die Aufmerksamkeit auf sich zieht.»

Bestseller und Karriere-Krise

Mit «Die Korrekturen» (2001) hatte sich Franzen, der auch leidenschaftlicher Vogel-Beobachter ist, einst in den Literatur-Olymp geschrieben. Mehr als drei Millionen Exemplare wurden verkauft und Franzen von vielen zum großen Erklärer der amerikanischen Gesellschaft ernannt. Den Nachfolger «Freiheit» (2010) kürte die «New York Times» zum «Meisterwerk», Franzen wurde mit vielen Preisen gekrönt.

Dann aber versank der Autor, der mit seiner Partnerin, der Schriftstellerin Kathryn Chetkovich, hauptsächlich im kalifornischen Santa Cruz lebt, in einer Art Karriere-Krise. «Unschuld» bekam teils schlechte Kritiken, die Verkaufszahlen konnten mit den Vorgängern nicht mithalten. Franzens Image schien angekratzt. Zu oft hatte er möglicherweise betont, wie egal es ihm sei, dass Talk-Königin Oprah Winfrey die «Korrekturen» empfahl und damit zum Bestseller machte. Oder dass er das Internet und die sozialen Medien nicht ausstehen könne – und eigentlich auch alle Menschen und besonders alle Schriftsteller nicht, die dort Zeit verbrächten. Politisch, kulturell und gesellschaftlich mitdiskutieren wolle er aber trotzdem – und tut das auch immer wieder beispielsweise in Form von Essays.

Das kam nicht immer gut an und viele frühere Fans – gerade in den USA – wandten sich genervt ab. Viele Essays wurden von den US-Medien verrissen. Die US-Plattform «Vox» sprach sogar von einer Art «Franzenfreude», die sich entwickelt habe – in Anlehnung an Schadenfreude. Er sei in all diesen Kontroversen immer missverstanden worden und lese deshalb jetzt gar nichts mehr von dem, was über ihn geschrieben werde, sagte Franzen daraufhin der «New York Times». «Die meisten Menschen, die Beschwerden über mich haben, lesen mich nicht.»

Die Kritiker sind begeistert

Mit «Crossroads» hat sich Franzen, der Germanistik studiert hat und fließend Deutsch spricht, nun erfolgreich aus der Karriere-Krise hinaus und zurück in die Herzen seiner Fans und Kritiker geschrieben. Das Buch markiere eine «merkliche Entwicklung in einer glänzenden Karriere», jubelte die «Washington Post». «Danke Gott für Jonathan Franzen.» Das Werk sei «weitläufig und lustig» und das Lesen eine «wahre Freude», kommentierte der britische «Guardian».

Als «aufregend zornig», «überraschend zart» und schlicht «sehr gut» beschreibt «Vox» das Buch. «Den ewig motzenden Kommentatoren und dem oft nicht erträglichen öffentlichen Auftreten des Autors zum Trotz: Jonathan Franzen ist wirklich einer der großen Schriftsteller seiner Generation. „Crossroads“ steht bereit, das zu beweisen.»

Jonathan Franzen: Crossroads, Rowohlt Verlag, ‎832 Seiten, ISBN: 9780374181178

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