Italienische Soldaten am israelischen Nationalpavillon auf der Biennale für zeitgenössische Kunst in Venedig. (Urheber/Quelle/Verbreiter: Colleen Barry/AP/dpa)

Was viele bereits befürchtet hatten, ist eingetroffen: Die diesjährige Kunstbiennale in Venedig hat ihren ersten Skandal.

Der Israelische Pavillon bei dem beliebtesten Kunstereignis der Welt öffnet nicht wie geplant. «Wir können es nicht mehr ertragen», schrieb die verantwortliche ausstellende Künstlerin Ruth Patir in einer Instagram-Story. Sie und die beiden Kuratorinnen würden die Ausstellung erst eröffnen, wenn eine Vereinbarung über einen Waffenstillstand im Gaza-Krieg und die Freilassung der von der Hamas festgehaltenen Geiseln erreicht sei, hieß es auf der Webseite der in New York geborenen Israelin, die in Tel Aviv lebt.

Am geschlossenen Pavillon klebt ein Schild

Pressevertreter sollten eigentlich schon Einblicke in die Pavillons der Länder bekommen. 88 verschiedene Beiträge gibt es in diesem Jahr bei der Kunstbiennale. Doch am Fenster des Israelischen Pavillons klebte nur ein Schild, auf dem die Entscheidung der Künstlerin und der Kuratorinnen stand, den Pavillon nicht zu öffnen. Auf Patirs Webseite hieß es dann weiter: «Die Entscheidung der Künstlerin und der Kuratoren besteht nicht darin, sich selbst oder die Ausstellung abzusagen, sondern sich mit den Familien der Geiseln und der großen Gemeinschaft in Israel, die einen Wandel fordert, zu solidarisieren.»

Bei der Kunstbiennale sind sich verfeindete Länder geografisch nah. Zwar verteilt über die verschiedenen Gelände der Biennale – in den Giardini, im Arsenale oder auch anderswo – sind Israel, der Libanon und auch der Iran nur einen Katzensprung voneinander entfernt. Weltpolitik spielt immer eine Rolle. Insbesondere seit dem 7. Oktober, als die islamistische Hamas und andere Gruppen das beispiellose Massaker mit 1200 Toten in Israel verübten, und dem Gaza-Krieg als Reaktion Israels hat sich dies noch verschärft.

Zahlreiche Menschen wurden aus Israel in den Gazastreifen verschleppt. Noch immer werden 133 Menschen dort festgehalten, von denen vermutlich nur noch ein Teil am Leben ist. Israel reagierte mit massiven Luftangriffen und einer Bodenoffensive. Angesichts der hohen Zahl ziviler Opfer und der katastrophalen humanitären Lage im Gazastreifen steht Israel international – auch bei engen Partnern – immer stärker in der Kritik.

«Wir sind die Nachrichten geworden, nicht die Kunst»

Nach dem Eklat bei der Berlinale, bei dem Redner bei der Preisverleihung Israel einen «Genozid» und «Apartheid» vorwarfen, waren Proteste oder ähnliche Aktionen vor dem Israelischen Pavillon erwartet worden. Der Druck auf die Künstlerin und die Kuratorinnen wurde offenbar immer größer. «Wir sind die Nachrichten geworden, nicht die Kunst», so Patir in ihrer Instagram-Story. Daher der Entschluss, den Pavillon nicht zu öffnen.

Tausende Menschen, unter ihnen viele Künstler, hatten Ende Februar den Ausschluss Israels von der diesjährigen Kunstbiennale gefordert. Es sei inakzeptabel, Kunst aus einem Staat zu präsentieren, der gegenwärtig Gräueltaten gegen die Palästinenser in Gaza ausführe, hieß es damals in einem online veröffentlichten offenen Brief der sogenannten Art Not Genocide Alliance (ANGA). Die Aktivistengruppe wirft Israel Völkermord vor.

Soldaten vor dem Pavillon

Wie vor vielen israelischen und auch jüdischen Einrichtungen wurden auch vor dem Pavillon in den Giardini Soldaten postiert – aus Sicherheitsgründen. Bei dem Kunstereignis in der norditalienischen Lagunenstadt kam es bereits in der Vergangenheit zu Zwischenfällen. Zu groß war nun die Sorge der Organisatoren vor Protesten und Boykottaufrufen und -aktionen.

Patir hingegen lehne einen kulturellen Boykott ab, teilte sie mit. Aber: «Ich ziehe es vor, meine Stimme mit denen zu erheben, die ich in ihrem Schrei unterstütze: Waffenstillstand jetzt, bringt die Menschen aus der Gefangenschaft zurück. Wir können es nicht mehr ertragen.»

Das war im Israelischen Pavillon geplant

Patirs Ausstellung mit dem Titel «(M)otherland» war als Videoinstallation geplant, bei der antike Archäologie mit moderner Bildtechnologie verbunden wird. Angesichts der politischen Lage in ihrem Heimatland wollte sie sich nach eigenen Angaben ein Stück persönlichen Raum in der hoch aufgeladenen Arena der nationalen Repräsentation schaffen. Kuratorin Tamar Margalit sagte der US-amerikanischen Zeitung «New York Times», dass Besucher eine von Patirs Videoarbeiten durch Fenster des geschlossenen Pavillons sehen könnten.

Die Organisatoren der Kunstbiennale in Venedig äußerten sich zunächst nicht zu der Entscheidung der Künstlerin und der Kuratorinnen. Der Kurator der diesjährigen Ausgabe, Adriano Pedrosa, sagte der italienischen Nachrichtenagentur Ansa: «Ich respektiere ihre Entscheidung. Es ist eine sehr mutige Entscheidung, da es sehr schwierig ist, ein Werk in diesem besonderen Kontext zu präsentieren.»

Mit Spannung wird nun auf den Deutschen Pavillon geblickt. Dieses Jahr stellt die in Amsterdam und Berlin lebende Israelin Yael Bartana dort aus. Gemeinsam mit dem Berliner Theaterregisseur Ersan Mondtag will sie unter dem Titel «Thresholds» (zu Deutsch: «Schwellen») Geschichte und Zukunft aus der Perspektive verschiedener künstlerischer Positionen erzählen. Es bleibt abzuwarten, wie es Bartana und dem Pavillon ergehen wird.

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