Der slowenische Philosoph Slavoj Zizek wird bei der Buchmesse in Frankfurt erwartet. (Urheber/Quelle/Verbreiter: Rolf Vennenbernd/dpa)

Das ganze Land hat weniger Einwohner als Berlin und auch die Zahl der Autoren ist überschaubar. Slowenien, das kleine Land zwischen Alpen und Adria, ist auf der literarischen Landkarte so gut wie unsichtbar – noch. Als Ehrengast der 75. Frankfurter Buchmesse will Slowenien die Weltbühne betreten.

Der prominenteste Name und Zugpferd des Gastlandauftritts ist ein Philosoph: Slavoj Zizek. Besonderen Stellenwert in Slowenien hat Lyrik, sein Land sei «das Land mit der dichtesten Dichte an Dichtern», sagt der slowenische Autor, Übersetzer, Lektor und Verleger Ales Steger, der eine literarische «Gebrauchsanweisung für Slowenien» herausgebracht hat.

Zur Buchmesse haben 65 deutschsprachige Verlage slowenische Titel im Programm, weiß Simone Bühler, die bei der Buchmesse für das Ehrengastprogramm verantwortlich ist. 75 Autoren, Übersetzer, Verleger und Illustratoren aus Slowenien wollen nach Frankfurt reisen.

Seit 1991 unabhängig

Slowenien ist flächenmäßig etwa so groß wie Hessen und hat rund zwei Millionen Einwohner. Früher Teil des sozialistischen Jugoslawiens, ist das Land nach der Unabhängigkeit 1991 im Westen angekommen, ist EU- und NATO-Mitglied und zahlt mit Euro. Die wachsende Zahl der Touristen kommt vor allem wegen der Natur: Es gibt Berge und Meer, Karstlandschaften und Höhlen. Besuchermagnet ist neben der Hauptstadt Ljubljana der Triglav Nationalpark. Eingeklemmt zwischen Italien, Österreich, Ungarn und Kroatien wurde Slowenien geprägt von verschiedenen kulturellen Einflüssen. «Nirgends findet man so viel Europa auf kleinstem Raum», schreibt Ales Steger.

Das Motto des Gastlandauftritts heißt «Waben der Worte». Es gebe in Slowenien seltene Bienen, die nur dort vorkämen, erklärt Miha Kovac, der Kurator des Gastlandauftritts. Sie seien ebenso «simpel aber widerstandsfähig» wie die Slowenen. Und sie flögen in die Welt hinaus, sammelten das Beste aus anderen Ländern und machten daraus ihren speziellen heimischen Honig. Wie in der Literatur.

Pro Jahr werden Kovac zufolge 3500 Bücher auf Slowenisch publiziert. Zum Vergleich: In Deutschland sind es mehr als 50 000. Auch andere Dinge sind fundamental anders: In ganz Slowenien gibt es laut Kovac nur 75 Buchhandlungen, von denen 50 zu einer Kette gehören, dafür aber 280 öffentliche Bibliotheken. So keine Bibliothek in der Nähe ist, kommt ein bis zwei Mal die Woche der «Biblio-Bus» vorbei.

Im deutschen Markt waren slowenische Autoren bisher nur am Rand vertreten. In Vorbereitung des Gastlandauftritts wurden zwischen 2019 und 2022 rund 600 Bücher aus dem Slowenischen in Fremdsprachen übersetzt, so die Übersetzerin Amalija Macek – fast drei Mal so viel wie sonst. Etwa ein Fünftel davon – mehr als 100 – sind Übersetzungen ins Deutsche. «Qualität ist wichtiger als Quantität», sagt Macek.

Slowenen lieben Lyrik

Dass slowenische Autoren so wenig bekannt sind, liege an zwei Faktoren, sagt Katja Stergar, die Direktorin der slowenischen Buchagentur: Zum einen haben die Slowenen eine Vorliebe für Lyrik, was hierzulande wie Blei in den Regalen liegt. Und knapp ein Drittel der Produktion sind Kinderbücher. Übersetzerin Macek hat eine These, wie diese beiden Vorlieben zustande kommen: Die Slowenen waren Jahrhunderte lang unter fremder Herrschaft und seien eher schweigsame Menschen. Literatur verstünden sie als «eine Art der verschlüsselten Kommunikation».

Der bekannteste Name ist Slavoj Zizek, der polternde Philosoph-in-allen-Gassen, der zwar viel publiziert und mit Abstand der meistübersetzte Autor Sloweniens ist, aber im engeren Sinne eben doch kein Schriftsteller. Beim Eröffnungsfestakt der Buchmesse am 17. Oktober mit Bundeskanzler Olaf Scholz soll er die Festrede halten. «Der einzige Programmpunkt, der nicht planbar ist», sagt Buchmessen-Sprecher Torsten Casimir.

Der traditionelle Ehrengast-Pavillon auf dem Messegelände wird komplett aus recyceltem oder wiederverwendbarem Material gebaut, wie die Organisatoren des Gastlandauftritts berichten. Jeder Tag soll mit einer «Honey Hour» und einem Gedicht beginnen. Das Gastland will auch einen «Poesieautomaten» mit nach Frankfurt bringen, der bei Münzeinwurf Gedichte von slowenischen Autoren im Original und in Übersetzung ausdruckt.

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