Das rumänische Temeswar ist in diesem Jahr Europäische Kulturhauptstadt. (Urheber/Quelle/Verbreiter: Flavius Neamciuc/Kulturhaupt Temeswar/dpa)

Unter dem Motto «Shine your light» («Lass dein Licht leuchten») hat das westrumänische Temeswar das Kulturhauptstadt-Jahr eröffnet. Als zentrale Botschaft wollen die Veranstalter die Vorteile der Diversität in der multikulturellen Stadt betonen. «In unserem Europa, das seinen Weg in diesem komplexen Jahrhundert erst noch findet, will Temeswar mit seiner Geschichte Mut machen. Vielfalt ist Kraftquelle, Kultur schafft Wohlstand», sagte Bürgermeister Dominic Fritz zur Eröffnung bei einer Gala in der Temeswarer Oper. 

Die Licht-Metapher aus dem Motto des Events bekam einen von Beobachtern als ironisch wahrgenommenen Beigeschmack, weil kurz nach Ende der Gala im Stadtzentrum der Strom ausfiel, so dass die Straßen für etwa 40 Minuten in Dunkel getaucht waren, berichtete das Staatsfernsehen TVR. Die Gala-Gäste – darunter Ministerpräsident Nicolae Ciuca, weitere Politiker, Diplomaten und Künstler – hätten ihren Weg aus der Oper nach draußen mit Handy-Taschenlampen gesucht, hieß es bei TVR.

Dabei sind die Temeswarer stolz darauf, dass ihr Ort 1884 die erste europäische Stadt mit elektrischer Straßenbeleuchtung war. Auch politisch sehen sich die rund 300.000 Bewohner der Universitäts- und Industriestadt als Vorreiter: Von hier ging im Dezember 1989 der blutige Volksaufstand aus, der zum Sturz des kommunistischen Diktators Nicolae Ceausescu führte. Im Kulturhauptstadt-Programm spielt dieses Thema allerdings kaum eine Rolle.

Stadt mit K.u.k-Flair

Temeswar, gelegen am Dreiländereck Rumänien-Ungarn-Serbien, lockt mit architektonisch sichtbarem K.u.k-Flair aus der Zeit, als die Region noch zu Österreich-Ungarn gehörte. Der 39 Jahre alte Rathauschef Fritz, ein gebürtiger Deutscher aus dem Schwarzwald, Ex-Bürochef von Alt-Bundespräsident Horst Köhler, amtiert hier seit 2020 als Bürgermeister. Vom Kulturhauptstadt-Jahr erhofft er sich neuen Schwung für Wirtschaft und Tourismus.

Dass in Temeswar trotz aller Anstrengungen nicht alles perfekt ist, will Fritz nicht verschweigen, im Gegenteil: «Das Kulturhauptstadtjahr feiert die Ambition einer Stadt, die nicht stillsteht. Gerade das Bewusstsein der eigenen Mängel gebiert die kreative Energie, die eine Stadt in Bewegung setzt», sagte er in seiner Rede am Freitag. Sichtbar dürfte dies demnächst werden, denn in Kürze soll der zentrale Temeswarer Bahnhof für eine seit langem nötige Sanierung in eine Baustelle verwandelt werden.

Vielfältiges Angebot

Kulturell hat die boomende Industrie- und Universitätsstadt einiges zu bieten: Der «Kulturpalast» beherbergt neben der Oper auch drei Theater – je eines für drei in Temeswar beheimatete Sprachen: Rumänisch, Ungarisch und Deutsch. Daneben gibt es eine lebhafte Off-Szene, die nun im Kulturhauptstadt-Jahr gezielt gefördert werden soll.

Highlight am Freitag war die Eröffnung der Ausstellung des aus Rumänien stammenden, französischen Surrealisten Victor Brauner (1903-1966). Zum Ausklang bis spät in die Nacht waren Live-Konzerte, Akrobatik- und Licht-Shows unter freiem Himmel geplant.

Allein für den Eröffnungstag waren 47 Veranstaltungen angekündigt. Ein ähnlich dichtes Programm ist für das Wochenende vorgesehen, darunter zwei Auftritte des deutschen Philosophen Peter Sloterdijk in der Temeswarer West-Universität. Weitere Europäische Kulturhauptstädte sind in diesem Jahr Veszprem in Ungarn und Eleusis in Griechenland.

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